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7. Tag

7. Tag

Heute bin ich früh aufgestanden, weil ich eine längere Tour geplant habe. Da meine Füsse sich inzwischen weigern, in meine Wanderschuhe zu steigen, lasse ich sie zurück. Ich schreibe einen Zettel für die Vermieterin mit der Bitte, meine Wanderschuhe an die Adresse meiner ehemaligen Lehrerin in Bournemouth zu senden und lege Geld für das Porto dazu. Dann „schleiche“ ich mich aus dem Haus, um meine Mitbewohner nicht zu stören.

Ich geniesse die Morgenstille, die jetzt noch im Städtchen herrscht, und das Erwachen des Tages. Nach ca. einer ½ Stunde laufen komme ich in ein Vogelnaturschutzgebiet. Hier bemühe ich mich, möglichst leise zu sein, um die Vögel bei ihren Morgenritualen nicht zu stören. Ich staune ein wenig, als der Wegweiser in Richtung eines kleinen Flusses zeigt. Hier muss doch ein Irrtum vorliegen?? Ich gehe zum Wegweiser zurück und schaue noch einmal. Nein, der Weg zeigt eindeutig über den Fluss. Wie kann das sein? Ich blicke ein wenig umher und sehe einen „Vogelkundler“, der mit Kamera umherstreift. Leise nähere ich mich ihm und frage ihn, ob er wisse, wo der Wales Coast Path entlanggeht. Er zeigt mir auf den Fluss und sagt, bei Ebbe gäbe es Steine, die einem den Weg zeigen, jetzt sei der Fluss nicht passierbar. Oh je, da stehe ich extra früh auf und nun das! Schliesslich setze ich mich hin und denke: „Ändern kann ich es nicht, also kann ich genauso gut die Zeit damit ausfüllen, den Vögeln zuzuschauen.“ So mache ich es auch. Nach ca. 1 ½ Stunden zeigt sich langsam ein Steg über den Fluss. Ich staune, wie schnell es geht, wenn der Rückfluss erst einmal einsetzt. Frohen Mutes mache ich mich wieder auf den Weg. Da ich die Wandersandalen trage, macht es auch nichts, wenn meine Füsse im Wasser eintauchen – denke ich zumindest 😉.

Mein heutiges Ziel ist ein Aussenbereich von Milford Haven, einer grösseren Hafenstadt. Deshalb erstaunt es mich nicht sonderlich, dass ich auf dem ganzen Weg immer wieder Frachter auf dem Meer sehe, welche darauf warten, in den Hafen einzulaufen. John hat mir am Vorabend erklärt, dass diese entweder auf die Erlaubnis zum Löschen des Schiffes warten oder aber (was eher der Fall ist) die Ölpreise beobachten, um bei einem guten Preis in den Hafen einzulaufen.

Heute scheint nicht mein Tag zu sein, zum ersten Mal kämpfe ich um jeden Kilometer. Die Stadt scheint einfach nicht näher zu kommen, und meine Füsse schmerzen von Kilometer zu Kilometer mehr. Die Nässe vom Morgen hat bewirkt, dass sich gleich mehrere Blasen bilden. Ich bin überglücklich, als ich in im Hafen ankomme. Der Weg führt mich hier einen Hügel hinauf, aber irgendwo verliere ich die Wegweiser. Auch das noch! Ich merke, wie meine Stimmung von Viertelstunde zu Viertelstunde sinkt und ich einfach nur noch ankommen will. Ich frage eine Angestellte eines Lebensmittelladens nach dem Weg. Sie motiviert mich auch nicht unbedingt. Laut ihr ist der Weg so steil, dass ihr Auto da nicht hochkommt. Zudem sei ich noch Stunden von meinem Ziel entfernt… Deshalb beschliesse ich, meinen Stolz in die Ecke zu stellen und ein Taxi zu rufen. Dieses bringt mich innert 10 Minuten zu meiner Unterkunft. Luxuriös angepriesen, aber dann… Der Vermieter empfängt mich und teilt mir als erstes mit, dass im Zimmer, welches ich gebucht hatte, ein Wasserschaden sei. Na toll, wie gesagt, HEUTE IST NICHT MEIN TAG. Er hätte mir aber eine viel schönere Bleibe mit Küche und eigenem Bad, welches normalerweise fast das Doppelte kosten würde, zum Preis, den ich für „,mein“ Zimmer bezahlt habe. Ich gehe den Deal ein. Liebe Leute, ich sage euch: so was Grausliges an Küche habe ich in meinem ganzen Leben noch NIE gesehen! Das Zimmer und das Bad gehen einigermassen, aber in der Küche ist so ziemlich alles verschimmelt oder grau. Selbst der Kristallzucker hat eine schwarze Schicht obenauf… Ohh wie bin ich froh, dass mir Julia ihren Seidenschlafsack vor meinem Abflug noch mitgegeben hat! Danke, geliebte Tochter für deine Weitsicht 😊 😊 😊.

Wegen den Füssen nehme ich ein Bad, nachdem ich die Wanne geputzt habe. Anschliessend verarzte ich die Blasen, langsam werde ich erfinderisch und geübt darin 😉.

Nach dem Bad sehe ich mir die folgenden Routen an und entscheide mich, am Morgen einen Bus in das Städtchen „Tenby“ zu nehmen. Noch so eine Stadt will ich mir einfach nicht antun. Pembroke fällt somit aus meinem Programm. Ein wenig schleicht sich ein kleines schlechtes Gewissen ein,

aber ich weiss auch, dass meine Füsse im Moment keine 3 km mehr laufen können. Also muss ich mal Pause machen.


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