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5. Tag

5. Tag

Am Morgen verabschiede ich mich herzlich von Pauline. Sie fragt noch, wo ich denn am Abend logiere. Ich antworte, dass ich zum ersten Mal kein Zimmer im Voraus gebucht hätte, sondern spontan schauen möchte. Sie meint, wenn ich nichts fände, könne ich ihr anrufen. Sie würde mich dann abholen und am nächsten Morgen wieder dahin fahren, damit ich auf meinem Weg auch vorwärts käme. Doch ich bin überzeugt, dass ich eine Unterkunft finden werde.

So laufe ich frohen Mutes los, erst wieder hinunter zum Meer und dann Richtung Broad Haven. Dies ist ein kleines Städtchen direkt am Meer. Da die Blasen an meinen Füssen mir nach wie vor zu schaffen machen, möchte ich heute auch gar nicht mehr viel weiter laufen. Ich setze mich in ein Café mit herrlichem Meeresblick und geniesse es einfach, zu SEIN. Mein ganzer Körper ist erfüllt von Wärme und Glücksgefühlen. Was kann es Schöneres geben, als am Meer entlang wandern zu dürfen? Ohne Zeitdruck, ohne Verpflichtungen?

Nach einiger Zeit spaziere ich durch das Städtchen, um eine Bleibe für die kommende Nacht zu finden. Leider erfolglos. Egal, wo ich frage, überall sind sie über das ganze Wochenende ausgebucht. Also laufe ich weiter ins nächste Dörfchen, Little Hafen. Der Weg führt auf einer schmalen Strasse dorthin. Hier heisst es Aufpassen! Ich lausche auf Motorengeräusche und wechsle in Kurven immer wieder die Strassenseite, damit mich kein Auto erfasst, wenn es um die Kurve fährt. Ich bin froh, als ich wieder ein Trottoir sehe 😊. Die Zimmersuche verläuft auch hier ergebnislos.

Zum ersten Mal fühle ich mich ein wenig zurückgeworfen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt…. Schlussendlich rufe ich wirklich Pauline an, sie holt mich ohne zu zögern ab. Bei ihr zu Hause trinken wir erst einmal einen Tee, auch ihr Mann John ist da. Wir beratschlagen gemeinsam, wie es am folgenden Tag weitergehen soll. Busse fahren am Wochenende keine, Züge gibt es in dieser Gegend schon gar nicht. Die Halbinsel, die vor mir liegt, ist im Nationalpark, was heisst, dass die nächste Unterkunft 34 Laufkilometer entfernt ist. Das schaffe ich mit meinen Füssen kaum, zumal die Angabe jeweils eher knapp bemessen ist.

Schlussendlich schlägt John vor, dass Pauline mich am Morgen zurück nach Broad Hafen fährt (mit dem Auto sind dies ca. 15 Minuten), und ich so weit laufe, wie ich komme. Das Gepäck kann ich bei ihnen lassen. Sie holen mich dann ab und bringen mich in die nächste Unterkunft. Ich bin sprachlos… Ich kenne die beiden erst seit ein paar Tagen und sie bieten mir so viele Fahrdienste an. Ich umarme die beiden voller Dankbarkeit und ziehe mich anschliessend zurück. Ich nehme noch ein ausgiebiges Bad und verarzte meine Füsse. Morgen muss ich unbedingt neue Pflaster kaufen, mein Vorrat neigt sich dem Ende zu.


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